Deutschland 2022

Vorweg: wie schon angedeutet, sehe ich die Möglichkeiten der Prognostik im Mundanen in Zeiten grassierender Unübersichtlichkeit eher skeptisch – zu vieles an Unwägbarkeiten stellt sich dem unbefangenen Urteil entgegen.

Dann: ich knüpfe an an das, was im Beitrag 1870 – 1945 – 2020 geschrieben wurde. In der Geschichte konvergieren die unterschiedlichsten Zeitrhythmen, man könnte gar von einer über die Jahrhunderte in kontrapunktischer Weise angelegten Verlaufsstruktur sprechen. – Die Zahl 108 gilt in den östlichen Traditionen als „heilige Zahl“, nicht nur in Indien. Über sie ist etliches in Erfahrung zu bringen via Internet – zu vieles, als dass dies hier darzustellen wäre. Die Zahl taucht in der Geschichte Deutschlands wiederholt an entscheidender Stelle auf. Hier geht es um die Jahre 1266 – 1806 – 1914 – 2022.

1266: das Ende der Staufer-Herrschaft – in Italien, wie im eigentlichen Reich. (Zwar kommt es noch zum Versuch des halbwüchsigen Konradins, dem Einhalt zu gebieten, doch er scheitert, der gerade einmal 16 Jahre alte letzte Staufer wird in Neapel auf Befehl Karls von Anjou hingerichtet.) Damit zeichnet sich, zumindest im Reich, das Ende des Hochmittelalters ab. 1806, 540 Jahre (5 mal 108 Jahre) später, wird das „Heilige Römische Reich deutscher Nationen“ aufgelöst. Die Schaffung des Rheinbundes durch Napoleon erzwingt die Abdankung des letzten Kaisers. Dann 1914: Krise und sich abzeichnender Untergang der Hohenzollern. Und in absehbarer Zeit, 108 Jahre später: 2022.

Das muss kein Doomsday-Jahr sein, doch spricht etliches dafür, dass grundlegende Neubestimmungen damit einhergehen werden – nicht solche kurzlebiger Art wie etwa „nur“ ein Regierungswechsel – und wenn doch ein solcher Fall gegeben sein wird, dann wird es einer mit richtungsweisender Bedeutung für die Dauer von Jahrzehnten sein.

Das Horoskop der Bundesrepublik, 24.05.1949, 0:00 MESZ, Berlin. Auf der Vertikalen die bekannte deutsche Schicksalsachse – 17-18 Grad Stier/Skorpion. Und eben dort wird es am 28.06.2022 zur Konjunktion des transitierenden Uranus mit dem Regenten über Haus 10, Mars am IC kommen. Dies wird sein am 28.06.2022 – Zufall ?, vermutlich aber nicht – das ist der Jahrestag des Attentats von Sarajewo 1914. Dass hier geschichtsträchtige Umschichtungen sich abzeichnen, wird nicht zuletzt angezeigt durch die Tatsache, dass der laufende Uranus die Halbsumme Jupiter/Saturn aktiviert. „Überraschend schnelle Reife einer Sache“, so heißt es im alten Witte-Regelwerk dazu. Und: “ Trennung, von Glück begünstigt… Eine Entscheidung herbeiführen … / Plötzlicher Sach- oder Gebäudeschaden.“ Und Ebertin: „Plötzliches Aussetzen des Bewusstsein (durch Krankheit, Schreck, Tod)…“ Wie so oft: es gibt der Möglichkeiten viele… (was man nicht zwingend als Negativhypothek verbuchen sollte). Da aber der Radix-Mars, Regent über das MC, zeitgleich durch die laufenden Planeten dem Thema UR=SO/NE ausgesetzt sein wird, ist nicht damit zu rechnen, dass hier über die kollektiven Geschicke in „souveräner“ Weise, sondern eher in reaktiv -„resignierender“ Weise bestimmt werden wird.

Die „kleine Zwölfer“- Direktion

Direktionen gibt es nicht wenige. Der eine belässt es allein beim Ein-Grad-System bzw. beim Sonnenbogen, andere nutzen die Vielfalt der Direktionsschlüssel – was die Gefahr der Unübersichtlichkeit mit sich bringen kann. Charles O.Carter war der Ansicht, man könne mit einer Handvoll der „symbolischen Direktionen“ alle markanten Ereignisse sichtbar machen. Hier soll nur eine der von ihm verwendeten symbolischen Direktionen beschrieben werden – einach aus dem Grunde, weil ich sie für überaus nützlich halte.

Zunächst: Was ist das „kleine Zwölfer“? Es gibt den Zwölfer-Schüssel (den übrigens auch manche indische Astrologen verwenden). Er ergibt sich aus der Division 30 durch 12 = 2,5. Das „kleine Zwölfer“ geht einen Schritt weiter und teilt 2,5 durch 12 – was 12’30“ ergibt. Ein Bogengrad entspricht dann dem Alter von 4,8 Jahren, 5 Grade = 24 Jahre, 10 Grade = 48 Jahre, 15 = 72 Jahre. Also ein überaus langsamer Schlüssel.

Dieser Schlüssel eignet sich sehr gut für Korrekturen (bei denen ich aber generell sehr vorsichtig bin). Besonders hilfreich ist der Schlüssel bei sog. „plaktischen“ Aspekten, d.h. Aspekte mit vergleichsweise großem Orbis. Die Diskussion, welche Orben wann zulässig sind, soll hier unterbleiben. Statt dessen ein instruktives Beispiel:

Das ist das Geburtsbild Friedrichs II. von Preußen. Die Geburtszeit wird angegeben mit „mittags“ – was natürlich eine genaue, aber auch sehr ungenaue Angabe sein kann. Man wird aber wohl von einem Zwillings-AC ausgehen können – allein die Physiognomie und die Gestalt des Königs weisen in diese Richtung, natürlich auch die Tatsache, dass er etliche seiner Gedanken verschriftlichte und stete Korresponenz übte. Wir haben hier einen Sonnenstand von 3:41 im Wassermann und einen Mars im selben Zeichen auf 12:13. Ein grenzwertiger Orbis – aber man wird noch von einer Konjunktion sprechen können. Nun wird diese Konjunktion im Sonnenbogen nach rund neun Jahren fällig. Bekanntlich litt der Kronprinz schon als Kind unsäglich unter der harten Hand des Vaters, des „Soldatenkönigs“. Paradoxerweise aber wird es nicht der Vater, sondern der Sohn sein, der das Land in Kriege führt, die Staat und Volk immense Opfer abverlangen. Gleich im ersten Jahr der Regentschaft schlägt Friedrich zu und annektiert widerrechtlich Schlesien. Der ausgreifendste Krieg aber war der Siebenjährige Krieg (1756-1763), auch „Dritter Schlesischer Krieg“ genannt. Der Krieg beginnt mit der Eskalation britisch-französischer Rivalitäten. Die Ende August 1756 einsetzende Besetzung Sachsens durch die Preußen verschafft dann dem Krieg eine gesamteuropäische Bedeutung. Das „kleine Zwölfer“ zeigt die direktive Sonne hier in gradgenauer Konjunktion mit Mars. Die direktive Konjunktion war schon ca. 3 Jahre zuvor exakt geworden (hier betrieb der König die fortschreitende Militarisierung des Landes), war aber weiterhin voll wirksam, als der Siebenjährige Krieg begann.

Aspekte indisch – hellenistisch ?

Dass die indische Astrologie zumindest vorübergehend mit der hellenistischen in Verbindung stand, vor dort Anregungen bezog, ist schon seit langem bekannt. Die Forschungen des „Project Hindsight“ haben da weitere Entsprechungen entdeckt. Dies betrifft nicht allein die Verwendung der Ganzzeichenhäuser. Interessant wäre es in Erfahrung zu bringen, ob es auch Parallelen gab, was die Aspekte angeht. Wenn es dort jemals Entsprechungen gab, dann haben sich irgendwann die Wege getrennt. Die Unterschiede sind nicht unbeträchtlich, denn die Hauptaspekte der westlichen Astrologie – Sextil, Trigon, Quadrat – werden in der indischen Tradition nicht in generalisierender Weise verwendet. Hier gilt das Folgende:

  • Alle Planeten aspektieren nicht allein andere Planeten, sondern auch Häuser/Zeichen – auch dann, wenn diese keine Planetenbesetzungen haben. (Hier scheint es in der Tat Entsprechungen zur hellenistischen Astrologie gegeben zu haben.)
  • Mars aspektiert zudem das vierte Haus von ihm aus gesehen und das achte Haus. (Steht Mars etwa im zweiten Haus, dann aspektiert er neben dem opponierenden Haus auch das fünfte Haus, zudem das neunte. )
  • Saturn aspektiert das dritte, das siebte und das zehnte Haus (aus seiner Sicht).
  • Jupiter aspektiert das fünfte und das neunte (aus seiner Sicht).

Es ist wichtig, dies mit den Ganzzeichenhäusern zu verbinden.

Die Frage, die sich stellen mag: Kann dies auch auf tropisch berechnete Horoskope Anwendung finden? Nicht wenige – auch indische ! – Astrologen verweisen zunehmend auf gesicherte Quellen, denen zufolge ursprünglich auch in Indien der tropische Tierkreis Verwendung gefunden hatte. Sie bleiben in allem der indischen Astrologie treu (das „Instrumentarium“ betreffend), haben sich aber für den tropischen Tierkreis entschieden. Allerdings: der siderische Tierkreis behält seine volle Gültigkeit für die Nakshatras (Mondhäuser). Ein Planet ist also zu befragen auf seine Stellung im tropischen Zeichen und auf seine Positionierung in den Nakshatras. (Hier ist zu empfehlen das Studium der Schriften und Youtube-Videos von Ernst Wilhelm. Auch der Astrologieblog „starfish-blog“ (Birgit Braun ist unbedingt lohnend.)

Ein Blick auf Goethes Horoskop, wobei es hier allein um die oben näher beschriebenen „indischen“ Aspektierungen geht (nur dies soll hier der Überschaubarkeit halber in Betracht genommen werden):

Der Geburtsherrscher befindet sich hier im dritten Haus, in Erhöhung und in gegenseitiger Rezeption mit Saturn. Das dritte Haus ist der indisch-vedischen Tradition zufolge auch der Bereich des energetischen Ausdrucks, der Kunst und des Dramatischen. Sieht man ab von der zeitlich eher begrenzten Sturm und Drang-Phase war Goethe, auch was den künstlerischen Ausdruck anging, eher dem sachgebundenen-natürlichen Ausdruck als dem romantischen zugetan. Einem energisch betriebenen Disput ging Goethe dabei nie aus dem Weg – man denke nur an die Leidenschaftlichkeit, mit der er seine „Farbenlehre“ gegen die Newtonsche Lehre der Optik stellte. Grundsätzlich gilt, dass der Geburtsgebieter temporärer Wohltäter ist. So war denn der Aspekt des Mars auf das zehnte Haus der Karriere überaus förderlich, und dies ermöglichte nicht zuletzt die politischen Ämter und Würden, zu denen der Geheime Rat von Goethe in Weimar gelangen sollte.

Ein Planet, der das von ihm regierte Haus aspektiert, stärkt dieses. Dies gilt für Saturn mit Blick auf dessen Aspektierung des dritten Hauses, dies gilt auch für das sechste Haus, welches vonMars aspektiert wird. Und da dieser Mars in seiner Erhöhung ohnehin gestärkt ist, konnte der Dichter es auch wiederholt mit schweren Erkrankungen aufnehmen, überhaupt den Sorgen und Nöten des Alltags die Stirn bieten.

Als Herrscher über Haus fünf und neun ist der ins Domizil gestellte Jupiter Ausdruck des „Lebensoptimums“ schlechthin, der sowohl das neunte wie das erste Haus und deren Aspirationen aspektiert. Man denke an die Gestalt des „Olympiers“, dem das ruhige organische Wachstum und Reifen lieber war als das als unnatürlich empfundene Diskontinuierliche – kein Wunder, dass Goethe, anders als Schiller und Hölderlin, die Französische Revolution schon in deren Anfängen ablehnte.

Luther : 1483 ? – 1484?

Die allermeisten Biographien nennen den 10.11.1483 (jul.) als Geburtsdatum Luthers. Dabei ist der Fall durchaus strittig. Melanchthon zufolge soll Luthers Mutter gesagt haben, sie sei sich des Tages und der Stunde sicher – nicht aber des Jahres. Luthers Bruder sagte, die Familie habe sich aufs Jahr 1483 festgelegt. Luther selbst sagte, er sei 1482 oder 1484 geboren.

Bei einer so bedeutenden Persönlichkeit werden sich die überindividuellen Kräfte in besonders starkem Maße ins Werk setzen. Das Jahr 1483 war ein Jupiter-Jahr, das dann folgende ein Jahr des Mars. Beides scheint einsichtig: Jupiter, Planet des „Glaubens“ und der Religion, Mars: Tatkraft, Widerstand, aggressives Aufbegehren. Weitere wesentliche Jahresprägungen: 1483 war ein Jahr des (chin.) Hasen (genauer: des Wasser-Hasen), das Jahr 1484 eines des Holz-Drachen. Und gerade Letzteres spricht klar für das Jahr 1484. Die Qualitäten des Hasen – Diplomatie, Friedfertigkeit, Konfliktscheu … – sind mit Luther kaum in Einklang zu bringen. Es bleiben vielleicht die Hase-Themen der Fürsorglichkeit, der Wertschätzung der Familie, die bei Luther fraglos gegeben waren. Doch der „dramatische“ Drache mit seiner Exaltiertheit, seiner Unbesonnenheit, dem Wagemut, der es gar auf ein Alles-oder nichts ankommen lässt: all dies scheint Luther wesentlich gemäßer. Wir haben es mit dem jupiteranalogen Holz-Element zu tun, das sich mit dem Drachen 1484 verbindet. Dies passt zur Emphase Luthers, die immer wieder, oft in hitziger Weise zum Ausdruck gelangte. – Aus der Sicht des Neun-Sterne-Ki: 1483 ist ein Jahr der 4, 1484 eines der 3. Die 4 entspricht dem Trigramm des „Sanften“ (Trigramm Sun), die 3 dem „Donner“ (Trigramm Dschen), dem vitalen Aufbrechen. Hier zeigt sich fast immer Kühnheit gepaart mit dem Risiko, Opfer eigener Unbesonnenheit zu werden. Der 4-Geprägte neigt eher zur mitunter weitschweifigen Sichtung der Dinge, bevor er zur Tat schreitet, das Draufgängerische ist ihm eher fremd. Auch hier spricht der Befund eher für das Jahr 1484 als das Geburtsjahr des Reformators.

Dies ist der vorgeburtliche Vollmond Luthers, sofern ich das Jahr 1484 nehme (12.11.1484, greg.). Der Vollmond ist konjunktiv liiert mit der Großen Konjunktion des Jahres im Zeichen des Skorpions – dem Zeichen des Glaubens wie auch des Zweifels, deren Mit- und Gegeneinander Luther zeitweise in schwerste innere Konflikte stürzte. In den Jahren 1517 bis 1520 rang Luther mit sich selbst, den Bruch mit den kirchlichen Autoritäten zunächst scheuend, dann aber verschärfend herausfordernd. In dieser Zeit überlief Pluto im Sonnenbogen die Vollmondachse und die mit dieser verbundene Große Konjunktion.

Von „Beweisen“ möchte ich hier nicht sprechen. Aber ich denke, die Befunde sprechen doch recht klar für das Jahr 1484 als das Geburtsjahr des Reformators.