Aspekte indisch – hellenistisch ?

Dass die indische Astrologie zumindest vorübergehend mit der hellenistischen in Verbindung stand, vor dort Anregungen bezog, ist schon seit langem bekannt. Die Forschungen des „Project Hindsight“ haben da weitere Entsprechungen entdeckt. Dies betrifft nicht allein die Verwendung der Ganzzeichenhäuser. Interessant wäre es in Erfahrung zu bringen, ob es auch Parallelen gab, was die Aspekte angeht. Wenn es dort jemals Entsprechungen gab, dann haben sich irgendwann die Wege getrennt. Die Unterschiede sind nicht unbeträchtlich, denn die Hauptaspekte der westlichen Astrologie – Sextil, Trigon, Quadrat – werden in der indischen Tradition nicht in generalisierender Weise verwendet. Hier gilt das Folgende:

  • Alle Planeten aspektieren nicht allein andere Planeten, sondern auch Häuser/Zeichen – auch dann, wenn diese keine Planetenbesetzungen haben. (Hier scheint es in der Tat Entsprechungen zur hellenistischen Astrologie gegeben zu haben.)
  • Mars aspektiert zudem das vierte Haus von ihm aus gesehen und das achte Haus. (Steht Mars etwa im zweiten Haus, dann aspektiert er neben dem opponierenden Haus auch das fünfte Haus, zudem das neunte. )
  • Saturn aspektiert das dritte, das siebte und das zehnte Haus (aus seiner Sicht).
  • Jupiter aspektiert das fünfte und das neunte (aus seiner Sicht).

Es ist wichtig, dies mit den Ganzzeichenhäusern zu verbinden.

Die Frage, die sich stellen mag: Kann dies auch auf tropisch berechnete Horoskope Anwendung finden? Nicht wenige – auch indische ! – Astrologen verweisen zunehmend auf gesicherte Quellen, denen zufolge ursprünglich auch in Indien der tropische Tierkreis Verwendung gefunden hatte. Sie bleiben in allem der indischen Astrologie treu (das „Instrumentarium“ betreffend), haben sich aber für den tropischen Tierkreis entschieden. Allerdings: der siderische Tierkreis behält seine volle Gültigkeit für die Nakshatras (Mondhäuser). Ein Planet ist also zu befragen auf seine Stellung im tropischen Zeichen und auf seine Positionierung in den Nakshatras. (Hier ist zu empfehlen das Studium der Schriften und Youtube-Videos von Ernst Wilhelm. Auch der Astrologieblog „starfish-blog“ (Birgit Braun ist unbedingt lohnend.)

Ein Blick auf Goethes Horoskop, wobei es hier allein um die oben näher beschriebenen „indischen“ Aspektierungen geht (nur dies soll hier der Überschaubarkeit halber in Betracht genommen werden):

Der Geburtsherrscher befindet sich hier im dritten Haus, in Erhöhung und in gegenseitiger Rezeption mit Saturn. Das dritte Haus ist der indisch-vedischen Tradition zufolge auch der Bereich des energetischen Ausdrucks, der Kunst und des Dramatischen. Sieht man ab von der zeitlich eher begrenzten Sturm und Drang-Phase war Goethe, auch was den künstlerischen Ausdruck anging, eher dem sachgebundenen-natürlichen Ausdruck als dem romantischen zugetan. Einem energisch betriebenen Disput ging Goethe dabei nie aus dem Weg – man denke nur an die Leidenschaftlichkeit, mit der er seine „Farbenlehre“ gegen die Newtonsche Lehre der Optik stellte. Grundsätzlich gilt, dass der Geburtsgebieter temporärer Wohltäter ist. So war denn der Aspekt des Mars auf das zehnte Haus der Karriere überaus förderlich, und dies ermöglichte nicht zuletzt die politischen Ämter und Würden, zu denen der Geheime Rat von Goethe in Weimar gelangen sollte.

Ein Planet, der das von ihm regierte Haus aspektiert, stärkt dieses. Dies gilt für Saturn mit Blick auf dessen Aspektierung des dritten Hauses, dies gilt auch für das sechste Haus, welches vonMars aspektiert wird. Und da dieser Mars in seiner Erhöhung ohnehin gestärkt ist, konnte der Dichter es auch wiederholt mit schweren Erkrankungen aufnehmen, überhaupt den Sorgen und Nöten des Alltags die Stirn bieten.

Als Herrscher über Haus fünf und neun ist der ins Domizil gestellte Jupiter Ausdruck des „Lebensoptimums“ schlechthin, der sowohl das neunte wie das erste Haus und deren Aspirationen aspektiert. Man denke an die Gestalt des „Olympiers“, dem das ruhige organische Wachstum und Reifen lieber war als das als unnatürlich empfundene Diskontinuierliche – kein Wunder, dass Goethe, anders als Schiller und Hölderlin, die Französische Revolution schon in deren Anfängen ablehnte.

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