Thomas Ring -tropisch/indisch

Was die Transsaturnier angeht, ist unter indisch-vedischen Astrologen die Meinung geteilt. Der eine nimmt sie als Ergänzung, der andere schenkt ihnen keine Beachtung. Beide Seiten können stichhaltige Argumente ins Feld führen. Ich nehme sie, die Transsaturnier meist hinzu, wenn ich ein Horoskop „indisch“ betrachte – aber erst, nachdem ich versucht habe, dem Horoskop allein auf der „klassischen“ Ebene auf die Spur zu kommen.

Über die Möglichkeit der vedischen Astrologie auf der Grundlage des tropischen Tierkreises (wie u.a. von Ernst Wilhelm angeregt und praktiziert) habe ich hier schon an anderer Stelle geschrieben. (Siehe dazu auch die lesenswerten Beiträge im Astrologie-Blog Starfish.)

Unbestritten ist Thomas Ring (28.11.1892, Nürnberg 18:00 LMT) einer der bedeutendsten deutschen Astrologen des vergangenen Jahrhunderts, für nicht wenige gar der bedeutendste. Ihm verdanke ich, dass ich näheren Zugang zur Astrologie fand. Leider werden seine Bücher nicht mehr aufgelegt, seine Begrifflichkeit gilt als „schwierig“ – möglicherweise der Grund dafür, dass er (meines Wissens) nie in andere Sprachen übersetzt worden ist. Dankenswerterweise aber hat man sich entschlossen, seine wichtigsten Titel online verfügbar zu machen, darunter sein Hauptwerk, die vierbändige „Astrologische Menschenkunde“ – kostenfrei aufzurufen im „Astrodienst“.

Gelegentlich ist zu hören, Th.Ring habe seine Astrologie fälschlicherweise als „traditionell-klassische“ ausgegeben. Gemeint ist u.a., dass er wenig Bezug auf die klassischen Würden genommen habe. Richtig aber ist, dass Th.Ring den Begriff „klassische Astrologie“ kaum je verwendet hat, er sprach von der „revidierten Astrologie“.

Untenstehend das Horoskop mit der Dispositorenstruktur – Th. Ring, der den Begriff „Dominantenverkettung“ verwendete, hat diese gerne berücksichtigt (Näheres u.a. in Band III der „Astrologischen Menschenkunde“). In diesem Horoskop sind es Mars und Jupiter, die „oben“ in der Sequenz der Verkettung stehen. Beide stehen in wechselseitiger Rezeption, was einen guten Zugang zum Verständnis des Horoskops an die Hand gibt. Mars ist aus vedischer Sicht für einen Krebs-Aszendenten der günstigste Planet (er herrscht über die Häuser fünf und neun). Hinzu kommt, dass beide, Mars wie Jupiter, im Zeichen eines Freundes stehen. Wir haben damit ein mächtiges Raja-Yoga vor uns, ein sicherer Hinweis darauf, dass es hier zu herausragenden Leistungen kommen konnte.

Weniger bekannt ist, dass Ring auch auf dem Felde des Künstlerischen, der Malerei, Bemerkenswertes schaffen konnte – siehe u.a. die Venus im fünften Haus, aus dem Kendrahaus (=Kardinalhaus) vier kommend. Eine Reihe weiterer Yogas in diesem Horoskop könnte hier aufgezeigt werden. An dieser Stelle soll nur auf das Viparita-Yoga hingewiesen werden, das sich hier durch den Herrscher über Haus 12 in Haus 6 ergibt: Erfolg nach ertragenen Schwierigkeiten oder gar Schicksalsschlägen (traumatische Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg, als Kriegsgefangener in Großbritannien wegen „Meuterei“ zum Tode verurteilt, dann begnadigt, Tod der ersten Ehefrau infolge schlechter Versorgung in französischer Deportation nach Ende des II. Weltkrieges).

Ein Wort noch zu Saturn erhöht in der Waage im vierten Haus: das ist ein sog. Sasa-Yoga. Da heißt es, der Native entwickle Autorität und Strenge aus der Erfahrung von Ängsten heraus. In der Tat: Ring macht es sich in seinen Büchern nie leicht – mitunter scheint er gar zu „ringen“ – wenn das zugestanden etwas saloppe Wortspiel hier erlaubt ist. Bezeichnenderweise geht Ring in der „Astrologischen Menschenkunde“ wiederholt auf analoge saturnische Anfechtungen ein. Da aber Saturn einen Aspekt des Wohltäters Jupiter erhält – verstärkt durch die Regentschaft Jupiters über Haus neun – blieben dem Nativen selbstdestruktive Tendenzen wohl erspart.

Bezeichnend ist, dass Ring immer auf die von ihm so genannte „Aussagegrenze“ (Saturn!) verwies, dort wo es um die astrologische Aussagegrenze ging. Dementsprechend zeigte er sich jeder Prognose gegenüber skeptisch bis ablehnend.

Th.Ring wurde fast 91 Jahre alt – eine Lebenszeit, die der Mehrheit der Männer meist verwehrt bleibt ( Frauen haben bekanntlich ein im Schnitt längeres Alter). Auch hier dürfte Saturn maßgeblich beteiligt gewesen sein. Es heißt, Saturn als Herrscher über Haus acht in einem Kardinalhaus im Domizil oder erhöht (wie hier gegeben) gewähre i.d.R. ein vergleichsweise langes Leben.

Die Lektüre Th.Rings lohnt nicht zuletzt der tiefreichenden Bildung des Autors wegen (was nichts zu tun hatte mit den bourgeoisen Etiketten „schöngeistiger Bildung“) und wegen ihres ungewöhnlichen begrifflichen Differenzierungsvermögens.

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