Spieglein, Spieglein…

Wir kennen dies aus der Optik, elementarer Physikunterricht: die fundamentalen Gesetze der Spiegelungen, allen voran „Einfallswinkel = Ausfallswinkel“. Wer sich mit Halbsummen – direkten wie indirekten – befasst, der begibt sich auch in dieses Feld. Denn die Symmetrie der Optik erscheint hier in analoger Weise. Zeit und Raum sind kommensurabel – das eine mit dem Maß des anderen ausdrückbar. Nichts anderes tun wir, wenn wir z.B. von einem Zehnminutenweg sprechen oder von der Entfernung einer „Autostunde“.

W.Döbereiner sieht das Jahr 1967 als ein Spiegeljahr. Spiegeln wir das gegenwärtige Jahr zurück über dieses Jahr, dann gelangen wir ins Jahr 1914. Es zeigt sich, dass hier nicht etwa eine blind ablaufende Rekapitulation vorliegt – die Geschichte wiederholt sich nie. Sie lässt aber oft analoge Verlaufsstrukturen sichtbar werden. Und meist ist hier ein Verhältnis der „Reflexion“ gegeben – dies in wörtlicher wie in übertragener Weise. So auch in der Relation der Jahre 1914 – 2020: Zwei Krisenjahre, in beiden Jahren ging es bzw. geht es um den Verlust der Stabilität der europäischen Ordnung bzw. um den Versuch, diese zu bewahren.

Es finden sich aber eine Reihe von Spiegeljahren – im kollektiven Geschehen wie auch im individuellen Lebensgang. Mit Blick auf Letzteres sind die Untersuchungen Gudrun Burkhards eine lohnende Lektüre („Das Leben in die Hand nehmen“ und weitere Titel, in denen es um die „Arbeit“ an der eigenen Biographie geht). Ein weites, bislang in der Geschichtsschreibung weitgehend unbeachtetes Feld ist das der Spiegelungen im Gang der Jahrhunderte. Hier ist u.a. das Jahr 1684 ein Schlüsseljahr. Es ist das Jahr, in dem – der chinesischen Kalenderordnung entsprechend – eine neue, 360 Jahre umfassende Epoche einsetzt. Einige Beispiele müssen hier genügen: Spiegele ich das Jahr 1939 zurück über das Jahr 1684, so gelange ich in das Jahr 1429. Das ist das Jahr, in dem die Franzosen dank der von Jeanne d’Arc ausgehenden Inspiration im Hundertjährigen Krieg erstmals dauerhaft siegreich gegenüber den Engländern bleiben. Auch 1939 sieht sich Frankreich – aber auch England / Großbritannien – existenziellen Bedrohungen ausgesetzt. Nun aber bilden Franzosen und Briten eine Koalition. – Derartigen Akzentverschiebungen begegnet man häufiger, wenn man den Spiegelungen in der Geschichte nachgeht.

Spiegele ich das laufende Jahr (2020) über 1684, dann gelange ich ins Jahr 1348 – und dies ist das Jahr des „Schwarzen Todes“, das Jahr der großen Pest, der Schätzungen zufolge ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer fielen. Die hier offenkundig werdende Parallele „Pest“ – „Corona“ sollte denjenigen zu denken geben, die, wie Trump, die fortwährende Verharmlosung der laufenden Pandemie betreiben. Aber auch hier gilt natürlich: Die Tatsache des hier gegebenen Spiegelverhältnisses besagt nicht etwa, dass annähernd identische Entwicklungen gegeben sind. Wie dem aber auch immer sein mag: Das Jahr 1348 kündigt das bevorstehende Ende des Mittelalters an, womöglich markiert auch das Jahr 2020 eine tiefgreifende Zäsur.

Auch das Jahr der Mitte einer Epoche hat Spiegelcharakter. Dies wäre das Jahr 1864 – das Jahr der Mitte der Epoche 1684 – 2044. Gehe ich von dort 50 Jahre zurück, so gelange ich ins Jahr 1814: Nach den Wirren und Zerstörungen der napoleonischen Zeit versucht der Wiener Kongress eine stabile europäische Friedensordnung herzustellen. 50 Jahre später, 1914, ist diese Ordnung allzu fragil geworden und nicht mehr zu retten.

Wie gesagt: Es lohnt, hier vertiefte Einblicke zu nehmen.

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