Langlebigkeit

Dem Thema „Lebenslänge“ (engl. „longevity“) geht man in der westlichen Astrologie eher aus dem Weg. Die Gründe sind so bekannt wie sie mehrheitlich auch plausibel sind. „Mors certa – hora incerta“ – heißt es nach wie vor. Wer praktizierender Astrologe und Mitgleid des DAV ist, verplichtet sich, keinerlei Todesprognosen zu geben. Nun ist es das Eine, einen Todeszeitpunkt mehr oder weniger präzise zu bestimmen, das Andere ist es, begründete Vermutungen über die zu erwartende Lebenslänge anzustellen. In der indisch-vedischen Astrologie gibt man sich da unbefangener, es finden sich hier kaum ethisch begründete Tabus. Wie aber kaum anders zu erwarten: Die nähere Betrachtung zeigt, dass es in der vedischen Astrologie keineswegs durchweg übereinstimmende Ansichten gibt – was wenig überraschen wird (und manchem nur recht sein wird). Zudem: Es gibt ja keine objektive Bestimmung dessen, was ein langes Leben ist. Vor einem halben Jahrhundert noch erreichten die meisten Männer kaum das achtzigste Lebensjahr – heute ist dies die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland. Grundsätzlich einig ist man sich wohl nur mit Blick auf den AC und dessen Herrscher, auf Sonne und Mond – und vor allem auf Saturn und den Herrscher des achten Hauses.

Hier das Horoskop Ernst Jüngers. Der Autor wurde fast 103 Jahre alt. Der Mond ist AC-Regent, und er befindet sich in seinem Zeichen der Erhöhung. Doch auch die Sonne, der zentrale Lebensantrieb, befindet sich in der Erhöhung, zudem im zehnten Haus in der Nähe des MCs. Ins Auge fällt Saturn, hier Spannungsherrscher (unter den klassischen Planeten) – was m.E. grundsätzlich zur Stärkung beitragen dürfte. Und geht es um das Thema der zu erwartenden Lebensdauer, dann wird die hier gegebene Rückläufigkeit Saturns positiv zu werten sein. Vor allem aber: Dieser Saturn ist Herrscher über das achte Haus – was, folgt man der vedischen Linie, für sich allein kein Garant auf ein langes Leben darstellt, aber die Wahrscheinlichkeit darauf signifikant stärken soll. Jünger blieben seelische Krisen, gar echte Depressionen, nicht erspart. Doch die hier wohl wirksame Opposition von Mond und Saturn, konnte sich nicht nachteilig auf die Lebensdauer auswirken, da ein Saturn in einem Eckhaus vom Mond aus gesehen (hier das siebte Haus vom Mond) eine zusätzliche Stärkung erfährt.

Obenstehend das Horoskop Rainer Werner Fassbinders, der im 37. Lebensjahr starb (zur Zeit des zweiten Mondknotenrücklaufs). Auch hier der weiter oben beschriebene Blick auf die „Lichter“, AC-Regent, Haus acht und Saturn. Der (klassische) AC-Regent steht zwar in einem Kardinalhaus (günstig), jedoch im Exil, allerdings aufgewertet dadurch, dass er in seinen „Grenzen“ steht. Die Sonne befindet sich im System der Ganzzeichenhäuser ebenfalls in einem Kardinalhaus, ist jedoch peregrin. Der Mond und Saturn befinden sich beide im Exil, da aber eine gegenseitige Rezeption vorliegt, wird dies zumindest in Teilen aufgewogen sein, zudem steht der Mond in der Triplizität und in der Sektion (als Nachtplanet in einem Nachthoroskop über dem Horizont). Bleibt (u.a.) noch der Blick auf das achte Haus. Dessen Herrscher steht ebenfalls im Exil, auch dürfte mit Blick aufs Thema „Lebenslänge“ der Neptun in den GZH im achten Haus eher nachteilige Wirkungen gezeigt haben.

Die beiden Beispiele haben natürlich keinen Beweischarakter, da wären umfangreichere Untersuchungen nötig.

Fassbinder hatte ein vergleichsweise kurzes Leben – aber ein überaus produktives, darin vergleichbar dem ebenfalls mit 36 Jahren verstorbenen Mozart. M.a.W.: Die Lebensdauer als solche ist natürlich kein absoluter Wert.