Bruckner traditionell

Ungewohnt, womöglich irritierend – aber so wie untenstehend sahen Horoskopabbildungen bis in die frühe Neuzeit hinein aus. Auch u.a. Kepler erstellte seine Horoskope, unter ihnen das berühmte Horoskop Wallensteins, auf diese Weise. Diese Form findet sich bis heute in Indien, genauer im Norden des Landes. Auch dort bleibt man dem Quadrat treu. (Allerdings befindet sich dort das erste Haus oben, nicht wie im nachstehenden Horoskop links, im Zeichen des Sonnenaufgangs). Etwas anders sieht es aus bei den südindischen Grafiken, doch auch dort ist das Horoskop in der Form eines Rechtecks abgebildet. (Wie wir aus unserer Schulzeit wissen: Das Quadrat ist ein Sonderfall des Rechteckes).

Anton Bruckner, 04.09.1824, Ansfelden, 03:19 GMT

Der Kreis, die uns vertraute Form der Abbildung eines Horoskops, erscheint viele Jahre später, wohl definitiv erst im 19. Jahrhundert. Das Quadrat ist die Form des Saturnischen, und so ist denkbar, dass in diesen Horoskopabbildungen das Schicksalhafte, verbunden mit seinem Determinismus, also auch seinen Verhängnissen zum Ausdruck gebracht werden sollte. Der Kreis, der dann das Quadrat ablöste, hat deutlich einen solaren Charakter. Auch ist das zyklisch-Progressive mit den Horoskopabbildungen in Kreisform stärker ins Bild gesetzt. Vermutlich war der Wechsel vom Quadrat zum Kreis auch Ausdruck der für die Neuzeit bestimmenden Autonomie des Ichs.

Abgebildet mit den Ganzzeichenhäusern, in quasi antiker Weise, also zudem ohne Transsaturnier, ist das Horoskop Anton Bruckners, desssen Geburt im kommenden Jahr 200 Jahre zurückliegt. Geht es ohne Transsaturnier? Die vedische Astrologie pflegt das zu bejahen, unsere tropische verzichtet da nur ungerne (tut dies aber doch weitgehend in der Stundenastrologie). Ich selbst halte an der tradierten Dispositorenlehre fest, sehe die Transaturnier nur in der Rolle von nachrangigen Regenten. Und ich glaube, dass der Blick aufs Geburtsbild die Transsaturnier demjenigen auf die klassischen Planeten nachgeordnet sein sollte. Man wird dann bei der Deutung selten fehlgehen. Doch ergänzend: Uranus steht im obigen Horoskop auf rund 12 Grad Steinbock, Neptun auch im Steinbock auf 7 Grad, Pluto auf 2 Grad Widder. Der AC liegt gegen 28 Grad Löwe, das MC um die 10 Grad Stier. In Th. Rings tabellarischer Darstellung der Werkelemente der Künste (Astrologische Menschenkunde, Bd. 2) heißt es zum Löwen: Polyphonie, mehrstimmige Einheit. Was auf Bruckner zweifellos zutrifft, er war der bedeutendste Kontrapunktiker der Spätromantik. Zur Jungfrau (Bruckners Sonne) heißt es: Themendurchführung, methodischer Satzbau. Und auch dies ist stimmig, Bruckners Durchführungen sind so methodisch wie sie umfassend weiträumig angelegt sind. Man hat die Sinfonien Bruckners mal verglichen mit dem Bauplan gotischer Kathedralen, mal ihre barocke Fülle hervorgehoben. Zu Letzterem siehe den opulenten Jupiter im Löwen im ersten Haus. Selbst die Gegner Bruckners (es gab deren manche) kamen nicht umhin, die so ausgedehnten wie sorgsam konzipierten Themendurchführungen anzuerkennen. Beide Lichter stehen in diesem Horoskop in Erdzeichen. Bruckners Musik ist nicht nüchtern-sachlich. Doch, so seltsam dies klingen mag: Selbst in den massivsten Klangentladungen der Brucknerschen Sinfonien toben sich bei aller Expressivität nicht etwa Emotionen aus, selbst dort atmet die Musik Gelassenheit.

Ein Wort noch zur Prägung Bruckners durch die „Neun Sterne“. Das Jahr wie der Monat sind hier bestimmt durch die Fünf, die Zahl der Mitte, auch die Zahl der kontrollierenden Mitte. Als Zentrum des magischen Quadrates ist Fünf-Erde auch die Nabe eines sich drehenden Rades. (Zitat Robert Sachs, Die Neun Sterne Astrologie). Damit ist m.E. Wesentliches über die Musik Bruckners gesagt. Immer, selbst in den ausgedehnten Durchführungen, wahrt sie die Mitte als Ausgang und Ziel der Entwicklungen. Hier ist der Dirigent gefordert, es gilt, diese Mitte zu finden. Gelingt dies nicht, etwa dank falscher Tempi, kann eine Bruckner-Aufführung gründlich missraten.

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